Sursum Carnes!
Das erhöhte Fleisch als Botschaft zur Fastenzeit
von Elena Holzhausen, Diözesankonservatorin und Kunstbeauftragte der Erzdiözese Wien
Groß, rot und den Betrachter in sich aufnehmend verhüllt das Fastentuch von Connor Tingley und Peter Savic den Hochaltar der Michaelerkirche vor den Augen der Besucher. Hinter dem Fastentuch verbirgt sich der spätbarocke Engelssturz von Karl Georg Merville aus poliertem Stuckmarmor. Weiß und kühl wird ein dramatisches Ereignis – die Vertreibung der gefallenen Engel aus dem Reich Gottes – erzählt. Mervilles Figuren sind durch Körperlichkeit, aber auch ästhetisierte Gewalt charakterisiert.
Die lnstallation von Tingley und Savic ist völlig konträr: stofflich, farbintensiv und beinahe abstrakt. Sie gleicht einer Hinwendung in das Innere von Mervilles Figuren, wird zum Blickwechsel von außen nach innen. Durch die blutrote Farbe, die feinen, weißen Äderungen und durch das Wechselspiel zwischen amorpher Masse und scheinbar realistischer Darstellung werden Assoziationen von Fleischlichkeit geweckt. Damit beschreiten Tingley und Savic eine Prozessumkehrung der Arbeitsweise von Merville. Jener glättete und ästhetisierte Gewalt oder Härte einer Entscheidung. Tingley und Savic hingegen kehren die Ästhetik des intensiven Rots des Blutes hervor und lassen dadurch die Fleischlichkeit spürbar werden.
Bei längerer Betrachtung entsteht so ein Vexierbild zwischen roher, fast brutaler Vordergründigkeit und jener ganz feinen Ästhetik, die den Betrachter zu berühren sucht. Es ist eine Einladung zur Stille und in die Reflexion Über das Spannungsfeld von Leid und dessen Annahme, letztlich auch von Vergänglichkeit und Ewigkeit.
Dieser Text ist auf dem Folder zur Installation des Fastentuchs 2019 abgedruckt.
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Informationen zur ersten Installation von 2019 auf www.erzdioezese-wien.at
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